Fast jede verkehrspsychologische Untersuchung in Österreich beginnt am Probandenpult des Wiener Testsystems: farbige Tasten, Fußpedale, Kopfhörer, ein Bildschirm. Dieser Ratgeber erklärt, was das System ist, welche Verfahren die Untersuchungsstellen daraus einsetzen, was die einzelnen Tests prüfen, wie Prozentränge und die Grenze von 16 zu lesen sind – und was sich davon üben lässt.
Das Wichtigste in Kürze
Das Wiener Testsystem ist keine einzelne Prüfung, sondern eine Software mit einer Bibliothek aus psychologischen Testverfahren. Entwickelt hat es die Firma SCHUHFRIED, gegründet 1947 in Mödling bei Wien, die ab den 1970er-Jahren elektromechanische Reaktionsgeräte baute und sie Anfang der 1980er-Jahre durch ein computergesteuertes System ersetzte. Heute gibt es Fachversionen für Personalauswahl, Neuropsychologie, Sport und Verkehrspsychologie; die Verfahren sind normiert und in über 30 Sprachen verfügbar.
Zum System gehört das Probandenpult: ein Bedienfeld mit farbigen Reaktionstasten, einer Ruhetaste, Zifferntasten, zwei Joysticks oder Drehreglern und darunter Fußpedale, dazu Kopfhörer für Tonsignale. Die Untersuchungsstelle stellt eine Testbatterie zusammen, das System führt die Instruktionen, Übungsphasen und Tests nacheinander durch, wertet automatisch aus und erzeugt ein Profil mit Prozenträngen. Der Verkehrspsychologe nimmt es als Grundlage für die Leistungsbeurteilung – entscheiden tut er, nicht das Programm.
„Wiener Testsystem“ ist eine eingetragene Marke der SCHUHFRIED GmbH. Wir stehen in keiner Verbindung zum Hersteller oder zu einer Untersuchungsstelle; die Originaltests sind nicht öffentlich.
Welche Fähigkeiten geprüft werden, steht nicht beim Hersteller, sondern in der Führerscheingesetz-Gesundheitsverordnung. § 18 FSG-GV nennt fünf Bereiche der kraftfahrspezifischen Leistungsfähigkeit und verlangt dafür Verfahren, deren Bezug zum Fahrverhalten in Validierungsstudien belegt und die vom Ministerium anerkannt sind. Die Zuordnung zu den gängigen Verfahren des Wiener Testsystems:
| Bereich (§ 18 FSG-GV) | Typische Verfahren | Was Sie tun |
|---|---|---|
| Beobachtung und Überblick | Verkehrsauffassungstest ATAVT (früher TAVTMB), Linienverfolgungstest LVT, periphere Wahrnehmung PP | Verkehrsfotos, die eine Sekunde sichtbar sind, danach ankreuzen, was zu sehen war; eine Linie im Gewirr nur mit den Augen verfolgen; Lichtreize am Rand erkennen, während in der Mitte eine Spur gehalten wird |
| Reaktionsverhalten: Geschwindigkeit, Sicherheit, Belastbarkeit | Reaktionstest RT, Determinationstest DT | nur auf die vereinbarte Licht-Ton-Kombination reagieren, Finger auf der Ruhetaste; Farben, Töne und Pedalreize im steigenden Tempo richtig und rechtzeitig beantworten |
| Konzentration | Cognitrone COG | Figuren mit Vorlagen vergleichen: identisch oder nicht – über mehrere Minuten ohne Nachlassen |
| Sensomotorik | Zweihand-Koordination 2HAND | einen Punkt mit zwei Joysticks durch eine Bahn steuern, eine Hand waagrecht, eine senkrecht |
| Intelligenz und Gedächtnis | Adaptiver Matrizentest AMT, teils Standard Progressive Matrices, Gedächtnistests wie CORSI | die fehlende Figur in einem Muster aus mehreren Vorschlägen wählen; Positionen oder Symbole einprägen und wiedergeben |
| Bereitschaft zur Verkehrsanpassung (§ 18 Abs. 3) | Inventar verkehrsrelevanter Persönlichkeitseigenschaften IVPE-R, Wiener Risikobereitschaftstest Verkehr WRBTV | Fragebogen zu Selbstkontrolle, Verantwortung, Aggressionsneigung und Stabilität; Verkehrsszenen, bei denen Sie entscheiden, wann es zu riskant wird |
Welche Verfahren eine Untersuchungsstelle genau einsetzt und in welcher Reihenfolge, legt sie selbst fest. Die meisten Stellen in Österreich arbeiten mit dem Wiener Testsystem, einzelne mit anderen anerkannten Testbatterien. Die geprüften Bereiche sind in jedem Fall dieselben. Beim D-Screening für die Busklasse ist die Batterie kürzer und auf Beobachtung, Konzentration, Belastbarkeit und Koordination beschränkt.
Der Finger liegt auf einer Ruhetaste. Auf dem Bildschirm erscheinen gelbe und rote Lichter, über Kopfhörer ein Ton. Reagiert wird nur auf die vorher festgelegte Kombination, etwa gelbes Licht zusammen mit dem Ton – alle anderen Reize werden ignoriert. Gemessen werden die Reaktionszeit (bis der Finger die Ruhetaste verlässt), die Bewegungszeit (bis zur Reaktionstaste) und Fehlreaktionen. Wer auf alles drückt, ist schnell, aber unsicher; wer zögert, ist sicher, aber langsam. Gefragt ist beides. Wie schnell Sie grundsätzlich sind, können Sie mit unserem Reaktionstest online messen.
Der bekannteste und für viele der schwierigste Test. Farbige Lichter, zwei Töne und zwei Pedalreize kommen in rascher Folge; jeder Reiz hat seine Taste oder sein Pedal. Im adaptiven Modus passt sich das Tempo an die Leistung an – es wird genau so schnell, dass es fordernd bleibt. Gewertet werden richtige, falsche und ausgelassene Reaktionen. Der Test misst reaktive Belastbarkeit: Ob Sie unter Zeitdruck handlungsfähig bleiben oder in Panik beginnen, wahllos zu drücken. Das Gefühl, nicht nachzukommen, ist beabsichtigt und trifft alle.
Eine Figur wird mit vier Vorlagen verglichen; ist sie mit einer identisch, grüne Taste, sonst rote. Die Figuren sind sich absichtlich ähnlich. Gemessen werden Genauigkeit und Tempo über mehrere Minuten – also Konzentration unter gleichförmiger Belastung.
Mehrere Linien laufen verschlungen über den Bildschirm; eine ist markiert, ihr Ende muss nur mit den Augen gefunden und als Nummer eingegeben werden. Geprüft wird die visuelle Orientierung – die Fähigkeit, im Gewirr einer Kreuzung die eigene Spur nicht zu verlieren.
Fotos von Verkehrssituationen erscheinen für etwa eine Sekunde. Danach kreuzen Sie an, was zu sehen war: Fußgänger, Zweiräder, Fahrzeuge, Ampeln, Verkehrszeichen. Raten bringt nichts, weil falsche Kreuze gezählt werden. Adaptiv heißt: Die Bilder werden schwieriger, wenn Sie gut sind.
Bei 2HAND steuern beide Hände gemeinsam einen Punkt durch eine Bahn, gewertet wird die Zeit außerhalb der Bahn. Bei PP halten Sie in der Bildschirmmitte eine Spur, während am Rand Lichtreize auftauchen, auf die Sie mit dem Pedal reagieren – das Gesichtsfeld unter Belastung.
IVPE-R und ähnliche Fragebögen fragen nach Einstellungen und Verhalten: Regeln, Risiko, Ärger im Verkehr, Selbstkontrolle. Sie enthalten Kontrollskalen, die Beschönigung erkennen. Wer sich als fehlerfreier Musterfahrer darstellt, wird im Explorationsgespräch genau dazu befragt.
Jedes Testergebnis wird mit einer Normstichprobe verglichen und als Prozentrang ausgedrückt. Prozentrang 50 heißt: Die Hälfte der Vergleichsgruppe war schlechter, die Hälfte besser. In der Verkehrspsychologie gilt ein Prozentrang unter 16 – das ist mehr als eine Standardabweichung unter dem Durchschnitt – als unterdurchschnittlich und damit als auffällig. Entscheidend ist aber nicht ein einzelner Wert:
Die Originaltests nicht – sie sind nicht öffentlich, und kein seriöser Anbieter hat sie. Üben lassen sich die Aufgabenformate: Was ein tachistoskopisches Verkehrsbild ist, wie sich ein Reaktionstest mit Ruhetaste anfühlt, wie man im Determinationstest ruhig bleibt, wenn das Tempo steigt. Wer das Format kennt, verliert am Untersuchungstag keine Zeit mit Verstehen und reagiert ohne Prüfungsnervosität. Studien und die Erfahrung der Untersuchungsstellen zeigen, dass vor allem die Wahlreaktion und die Belastbarkeit durch Übung messbar besser werden, weil die Zuordnung Reiz-Taste automatisiert wird.
Unser Training bildet die Formate nach – Reaktionstest, Determinationstest mit Tastatur, USB-Fußschalter oder Gas- und Bremspedal, Linienverfolgung, Verkehrsauffassung mit echten Straßenfotos, Figurenvergleich, Matrizen, Zweihand-Koordination und mehr – mit Auswertung nach jedem Durchgang. Den VPU-Reaktionstest können Sie kostenlos ausprobieren; welche Übung welchem Verfahren entspricht, steht auf der Startseite unter Programminhalt.
Eine computergestützte Sammlung psychologischer Testverfahren der SCHUHFRIED GmbH aus Mödling, mit Software, Probandenpult, Pedalen und automatischer Auswertung. In der Verkehrspsychologie Österreichs ist es der verbreitete Standard für den Leistungsteil der VPU.
Üblich sind Verkehrsauffassungstest, Linienverfolgung, Reaktionstest, Determinationstest, Cognitrone, Zweihand-Koordination, ein Matrizentest und ein Persönlichkeitsfragebogen. Die genaue Auswahl trifft die Untersuchungsstelle; die geprüften Bereiche gibt § 18 FSG-GV vor.
Meist 60 bis 90 Minuten, die einzelnen Tests fünf bis fünfzehn Minuten. Mit Fragebögen und Explorationsgespräch dauert die Untersuchung zwei bis drei Stunden.
Dass 16 Prozent der Vergleichsgruppe schlechter und 84 Prozent besser waren. In der Verkehrspsychologie ist das die Grenze zum unterdurchschnittlichen Bereich. Ein einzelner Wert darunter führt nicht automatisch zu „nicht geeignet“; der Verkehrspsychologe bewertet das Gesamtbild.
Die Originaltests nicht, die Aufgabenformate ja. Üben Sie die Reaktion auf vereinbarte Signale, Verkehrsszenen in einer Sekunde, Linienverfolgung und Figurenvergleich – so kennen Sie am Untersuchungstag jeden Ablauf.
Ja, beim Determinationstest und bei der peripheren Wahrnehmung. Wer die Fußreaktion üben will, kann das in unserem Training beim Determinationstest mit einem USB-Fußschalter oder mit Gas- und Bremspedal tun; nötig ist das nicht.
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